PARTIZIPATIVES FÜHRUNGSMODELL BEI ICONTEC GMBH

Nils Buechner Ilmenau ICONTEC Auswahl

Im Gespräch mit Nils Büchner

Partizipative Führungsstile gewinnen in Unternehmen zunehmend an Bedeutung – sie fördern Motivation, Innovation und Zusammenarbeit. Wie dies in der Praxis gelingt und welche Erfahrungen Unternehmen damit machen, beleuchten wir im folgenden Interview mit Nils Büchner Co-Founder und Geschäftsführer von ICONTEC GmbH.

Warum haben Sie sich bei ICONTEC für ein Führungsmodell entschieden, das stark auf Mitbestimmung und Schwarmintelligenz setzt? Welche Überlegungen oder Herausforderungen im Unternehmen haben diesen Ansatz besonders attraktiv gemacht?

Das partizipative Führungsmodell bei ICONTEC entstand unter anderem aus den Erfahrungen mit einer früheren Organisation, in der starkes Mikromanagement und hierarchische Entscheidungen die Motivation der Mitarbeitenden negativ beeinflusst haben. Daraus entwickelte sich bewusst der Wunsch, Mitbestimmung, Eigenverantwortung und Zusammenarbeit stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass Mitarbeitende durch ihre unterschiedlichen Perspektiven, ihre fachliche Expertise und ihren Erfahrungshintergrund einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Unternehmens leisten können – sei es in organisatorischen Themen, der fachlichen Entwicklung, der Kundenakquise oder der Mitarbeiterentwicklung. Die Einbindung dieser „Schwarmintelligenz“ wird deshalb als echter Mehrwert für Innovation und nachhaltiges Wachstum verstanden.

Eine Herausforderung dieses Ansatzes besteht darin, Mitarbeitende, die sich über ihre eigentliche Projektarbeit hinaus engagieren, angemessen wertzuschätzen. Dafür setzt ICONTEC auf verschiedene Instrumente wie Ziel- und Bonussysteme, zusätzliche Verantwortungsbereiche mit entsprechenden Zulagen sowie interne Kommunikationsplattformen, auf denen Initiativen, Ideen und Fortschritte sichtbar gemacht und gewürdigt werden.

Konkret zeigt sich dieser Ansatz auch darin, dass Mitarbeitende eigenverantwortlich zusätzliche Rollen und Zuständigkeiten übernehmen – beispielsweise im Recruiting oder im Fuhrparkmanagement.

Welche positiven oder auch unerwarteten Veränderungen haben Sie seit der Einführung beobachtet?

Seit der Einführung des partizipativen Modells hat ICONTEC zahlreiche positive Entwicklungen beobachtet. Durch die aktive Einbindung der Mitarbeitenden konnten konkrete Strukturen und Angebote aufgebaut werden – darunter ein professionelles Recruiting-Konzept, Entwicklungspläne für Werkstudierende sowie ein kontinuierlich erweitertes Mobilitätsangebot mit Firmenfahrzeugen und Jobrad-Modellen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die übernommenen Verantwortlichkeiten nachhaltig funktionieren und von den Mitarbeitenden aktiv getragen werden. Die Initiativen entwickeln sich eigenständig weiter und werden im Unternehmen zunehmend angenommen.

Eine unerwartet positive Erkenntnis war dabei, wie stark dieses Modell das Unternehmenswachstum unterstützt. Die gelebte Mitbestimmung fördert Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein und trägt gleichzeitig dazu bei, Mitarbeitende – insbesondere Werkstudierende – langfristig in ihrer Entwicklung zu stärken.

Gibt es aus Ihrer Sicht messbare Effekte auf Produktivität, Zufriedenheit oder Innovation?

Aus Sicht von ICONTEC zeigen sich die positiven Effekte des partizipativen Modells insbesondere in der hohen Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeitenden. Regelmäßige Mitarbeiterumfragen fallen durchweg positiv aus und spiegeln ein kollegiales sowie wertschätzendes Arbeitsumfeld wider.

Darüber hinaus zeigt sich ein wichtiger Effekt in der langfristigen Stabilität der übernommenen Verantwortlichkeiten: Mitarbeitende, die zusätzlichen Funktionen oder Rollen übernehmen, engagieren sich häufig auch über einen langen Zeitraum hinweg weiter in diesen Bereichen. Diese Kontinuität stärkt sowohl die organisatorische Entwicklung als auch die nachhaltige Weitergabe von Wissen und Erfahrung im Unternehmen.

Gibt es besondere Formate, die Beteiligung für alle zugänglich machen? 

Um Beteiligung für alle Mitarbeitenden zugänglich zu machen, setzt ICONTEC auf verschiedene regelmäßige Austausch- und Beteiligungsformate. Eine zentrale Rolle spielen dabei die wöchentlichen Teammeetings, die sowohl virtuell als auch vor Ort stattfinden. Dort werden aktuelle Themen, Projekte und neue Bedarfe aus dem Unternehmen besprochen. Mitarbeitende haben dabei jederzeit die Möglichkeit, Interesse an bestimmten Aufgaben oder zusätzlichen Verantwortlichkeiten zu äußern und sich aktiv einzubringen.

Ergänzend dazu finden hybride Mitarbeiterversammlungen statt, in denen übergreifende Themen, neue Initiativen und strategische Entwicklungen vorgestellt werden. Diese Formate dienen gleichzeitig dazu, Mitarbeitende gezielt zur Mitwirkung einzuladen und neue Ideen gemeinsam weiterzuentwickeln.

Darüber hinaus nutzt ICONTEC regelmäßig Umfragen, um Meinungen, Bedürfnisse und Vorschläge der Mitarbeitenden einzubeziehen – beispielsweise bei Themen wie Gesundheitstagen, internen Angeboten oder Spendeninitiativen. Ziel ist es, Entscheidungen nicht ausschließlich durch die Unternehmensleitung zu treffen, sondern gemeinsam bessere Lösungen und Angebote zu entwickeln.

Auch bei langfristigen strategischen Themen wird die Schwarmintelligenz aktiv genutzt. Mitarbeitende werden gezielt in die Entwicklung neuer Leistungsfelder und Unternehmensstrategien eingebunden. Ein konkretes Beispiel dafür ist eine unternehmensweite KI-Initiative, die teamübergreifend von Mitarbeitenden gestaltet wird und neue Ideen sowie Innovationen innerhalb von ICONTEC vorantreibt.

Welche Schwierigkeiten gab es bei der Einführung dieses Führungsmodells?

Eine der größten Herausforderungen bei der Einführung des partizipativen Führungsmodells war, dass nicht jeder Mitarbeitende gleichermaßen mit dieser Form der Zusammenarbeit umgehen kann oder möchte. Während einige die Möglichkeit zur Mitgestaltung aktiv nutzen, wünschen sich andere eher klare Vorgaben und eindeutige Entscheidungen durch die Führungsebene.

Gerade im Vergleich zu klassischen hierarchischen Strukturen kann dadurch manchmal der Eindruck entstehen, dass klare Ansagen fehlen. Das ist ein bewusster Unterschied zu traditionellen Führungsmodellen, bei denen Entscheidungen zentral getroffen werden. Das partizipative Modell setzt hingegen darauf, Mitarbeitende einzubeziehen und Eigenverantwortung zu fördern.

Für ICONTEC bedeutet das auch, aktiv Gelegenheiten zur Beteiligung zu schaffen – sowohl im fachlichen Arbeitsalltag als auch über teamübergreifende Veranstaltungen, Workshops oder gemeinsame Aktivitäten. Ziel ist es, Mitarbeitenden unterschiedliche Möglichkeiten zu bieten, sich entsprechend ihrer Persönlichkeit und Interessen einzubringen.

Wie gehen Sie mit Entscheidungskonflikten oder fehlender Einigung im Team um?

ICONTEC versteht Konflikte als natürlichen Bestandteil der Zusammenarbeit in einem Beratungsunternehmen, in dem viele unterschiedliche Menschen, Perspektiven und Arbeitsweisen aufeinandertreffen. Ziel ist daher nicht, Konflikte vollständig zu vermeiden, sondern konstruktiv und lösungsorientiert mit ihnen umzugehen.

Dabei setzt das Unternehmen bewusst auf aktives Konfliktmanagement. Konflikte werden frühzeitig thematisiert und offen besprochen. Im Mittelpunkt stehen dabei zunächst das Zuhören und das Verständnis für die jeweilige Perspektive der Beteiligten. Auf dieser Grundlage wird gemeinsam nach passenden Lösungen gesucht.

Je nach Situation werden Konflikte entweder im direkten Gespräch oder im Rahmen von Teammeetings thematisiert. Ergänzend dazu nutzt ICONTEC teamübergreifende Austauschformate, Veranstaltungen und gemeinsame Aktivitäten, um den Zusammenhalt zu stärken und möglichen Konflikten frühzeitig vorzubeugen.

Durch diese offene Kommunikationskultur und die vorhandenen Strukturen sieht sich das Unternehmen gut aufgestellt, um auch mit unterschiedlichen Meinungen oder Entscheidungskonflikten konstruktiv umzugehen.

Wie entstehen Impulse für den Einsatz neuer Technologien wie KI bei Ihnen im Unternehmen?

Die Impulse für den Einsatz neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz entstehen bei ICONTEC vor allem aus der Mitarbeiterschaft sowie aus den Anforderungen der Kundenprojekte. Insbesondere jüngere Mitarbeitende haben früh begonnen, sich mit KI-Technologien und deren Effizienzpotenzialen auseinanderzusetzen und entsprechende Anwendungen in den Arbeitsalltag einzubringen.

Unterstützt wird diese Entwicklung zudem durch die langjährige Zusammenarbeit mit der TU Ilmenau, insbesondere im Bereich Wirtschaftsinformatik. Dort wird bereits seit längerer Zeit erforscht, wie sich neue Technologien und KI-Anwendungen auf die Beratungsbranche auswirken und Transformationsprozesse die Arbeitswelt verändern.

Zusätzliche Impulse kamen aus der Zusammenarbeit mit Großkunden, die bereits moderne Plattformen, Methoden und KI-gestützte Werkzeuge einsetzen. Dadurch wurde früh erkannt, wie diese Technologien für ICONTEC eine wichtige Rolle spielen werden.

Auf dieser Grundlage hat ICONTEC eine interne KI-Initiative aufgebaut, die von Mitarbeitenden getragen und durch das Leitungsteam unterstützt wird. Ziel ist es, gemeinsam Lösungen, Methoden und Werkzeuge zu entwickeln, die den Mitarbeitenden im Arbeitsalltag konkrete Unterstützung bieten.

Wie stellen Sie sicher, dass Technologieentscheidungen auf breiter Basis verständlich und akzeptiert sind?

ICONTEC stellt die Akzeptanz neuer Technologien vor allem durch offene Kommunikation, transparente Richtlinien und gezielte Weiterbildung sicher. Mitarbeitende werden aktiv eingeladen, sich an innovativen Themen wie KI zu beteiligen und eigene Erfahrungen sowie Fragen einzubringen.

Dabei wird bewusst auch auf mögliche Vorbehalte eingegangen – beispielsweise in Bezug auf Datenschutz, Risiken oder die Qualität KI-gestützter Ergebnisse. Das Unternehmen verfügt hierfür über entsprechendes Fachwissen und klare Verantwortlichkeiten, insbesondere im Bereich Datenschutz.

Zusätzlich erhalten Mitarbeitende konkrete Leitlinien für den sicheren und verantwortungsvollen Einsatz neuer Technologien. Diese schaffen Orientierung, lassen gleichzeitig aber genügend Freiraum, um die Werkzeuge individuell und bedarfsgerecht nutzen zu können.

Ergänzt wird dies durch interne Workshops und kurze Schulungsformate, in denen sowohl die praktischen Einsatzmöglichkeiten als auch Chancen und Risiken vermittelt werden. Ziel ist es, Berührungsängste abzubauen, Wissen aufzubauen und einen sicheren sowie qualitativ sinnvollen Umgang mit neuen Technologien zu fördern.

Welche Tipps geben Sie mittelständischen Unternehmen, die ein ähnliches Modell der gelebten Mitbestimmung etablieren möchten?

Mittelständischen Unternehmen, die ein ähnliches Modell der gelebten Mitbestimmung etablieren möchten, empfiehlt ICONTEC, zunächst die richtigen Voraussetzungen zu schaffen. Besonders wichtig sind engagierte und erfahrene Mitarbeitende, die eine intrinsische Motivation mitbringen und bereit sind, sich über ihre eigentliche Fachaufgabe hinaus einzubringen. Personalverantwortliche sollten diese Motivationen in einer offenen Kommunikationskultur in Erfahrung bringen.

Entscheidend ist dabei, Mitarbeitenden Raum für Eigeninitiative zu geben. Wer Ideen oder Interesse an bestimmten Themen hat, sollte die Möglichkeit erhalten, eigene Konzepte zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Bei ICONTEC geschieht das bewusst pragmatisch und unbürokratisch: Mitarbeitende formulieren beispielsweise Ziele, Vorgehensweisen und den Mehrwert ihrer Idee für das Unternehmen in einer kompakten Beschreibung. Dadurch setzen sie sich aktiv mit ihren Vorhaben auseinander und gestalten die Entwicklung des Unternehmens mit.

Gleichzeitig sollte auch die Unternehmensleitung klar definieren, welchen Stellenwert und welche Ressourcen solche zusätzlichen Aufgaben erhalten sollen. Die Führungskräfte übertragen die Verantwortung und müssen den Mitarbeitenden aktiv den Rücken stärken (Management by Empowerment). Wichtig ist, dass Engagement sichtbar gemacht, wertgeschätzt und kommunikativ begleitet wird. Unterstützend wirken dabei transparente Kommunikation, Anerkennungssysteme sowie Möglichkeiten, Projekte und Fortschritte intern vorzustellen. So entsteht Schritt für Schritt eine Unternehmenskultur, in der Mitbestimmung nicht nur erlaubt, sondern aktiv gelebt wird.

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